Der Laichinger und die Medien

Mehr als 50 Laichinger hatten sich wie jeden Montag, mittlerweile im Dunkeln, zu der Corona-Demo auf dem Laichinger Marktplatz eingefunden. Nachdem es im Sommer noch fast ausschließlich um Kern-Themen der COVID-19 Epidemie, wie Sinn und Unsinn der Maskenpflicht und Impfung gegangen war, wurden an diesem Montag, kurz vor dem schicksalsträchtigen 09.11, mehr und mehr Töne laut, die sich mit sozialer Gerechtigkeit, Arroganz der Geimpften und sozialer Spaltung beschäftigten.

Demo in Laichingen

Die Tyrannei der Ungeimpften?

Die Ungeimpfte Mutter sprach da von Versagen ihrerseits, weil ihre Tochter sich geimpft habe und relativiert sogleich, die Tochter habe jetzt doch wieder zunehmend Angst vor dem Virus. Auffällig war bei den Rednern der überdurchschnittliche Anteil aus dem Osten Deutschlands. “Sachsen läuft”, meinte eine Rednerin,die ihre Wahrnehmung der sozialen Spaltung in Ungeimpfte und Geimpfte auch an der Steigerung in der Medien-Rhetorik festmachte wie an der Arroganz der Geimpften. Aus der Pandemie der Ungeimpften würde nun in den Medien eine Tyrannei der Ungeimpften. Sie könne nicht sehen wie sie, wenn sie mit ihrem Mann beim Liebesspiel daheim liege oder stehe, die Gesellschaft tyrannisiere, lachte sie.

Geimpft nicht geadelt?

Die problemlos Geimpften, die schon stolz auf die Maske verzichtet hätten müsse man Aufgrund neuer Erkenntnisse über die Virenlast Geimpfter zurufen: “Die Show ist vorbei, denn the show must go on.” Am gleichen Tag sah man auf einem Telegram-Kanal der Laichingen Gruppe Bilder von einem überdimensionalen Spruchband aus Sachsen, dass sich zweisprachig bei der polnischen Regierung für das Aufhalten weißrussischer Flüchtlinge an der polnischen Grenze bedankte.Gleichzeitig sah man in Baden-Württemberg’s Bahnhöfen, übergroße Plakate der Landesregierung hängen. Darauf zu lesen: Baden- Württemberg Wo aus Willkommen Will Bleiben wird.Da ergaben sich eher Assoziationen wie Regierungswille gegen Volkswille oder arm gegen reich. In Sachsen gebe es deshalb beherzteren und breiteren Widerstand weil dort viele Leute nicht mehr von Kurzarbeitergeld und Coronahilfe abgefedert würden. Die Corona-Hilfen in der Gastro hier, seien an 2G Regeln gekoppelt gewesen, so habe man viele Arbeiter und Chefs bestochen.

Q:BPB, Globale Trends 2010

Tyrannei der Mehrheit?

Zurück zur Rhetorik der Impfratensteigerer:
Ursprünglich wurde der Begriff der “Tyrannei der Mehrheit” von dem klugen Beobachter des US-Amerikanischen Föderalismus im 19. Jahrhundert, Alexis de Tocqueville, geprägt. Dem Erfinder der Formulierung “Tyrannei der Ungeimpften” , dem Vorsitzenden der Weltärtzekammer Montgomery, darf man dieses Hindergrundwissen zutrauen.
Und so wie die Höhe der Zahlen, wie ein anderer Redner bewies, mit der Zahl der steigenden Testungen zu tun hat, so hat die Höhe der emotionalen Wellen mit Art und Intensität der Berichterstattung über Corona zu tun.

Kommunikation geht nur gemeinsam

Tocqueville warnte aber mit dem politikwissenschaftlichen Begriff vor der Tendenz, das auf dem Entscheidungsprinzip der Mehrheit beruhende politische Systeme Gefahr laufen würden Minderheiten strukturell zu unterdrücken. Deshalb plädierte er beispielsweise für eine lebendige Zivilgesellschaft. Nicht etwa für eine Zweiklassenzivilgesellschaftauf der einen Seite die altruistischen FFF und Black lives matters, auf der anderen die egoistischen Queerdenker, Identitären und AFD-Nahen.

Die fragwürdige Haltung der Lokalzeitungen

Auch der Journalismus ist in den USA, von der englischen Krone, noch gewaltsam unterdrückt, als Bestandteil der checks and balances, also der gegenseitigen Prüfung und Abwägungen der verschiedenen Mächte und Gewalten des Systems groß geworden. Leider berichten, wie dem Autor zu Ohren gekommen ist, in Laichingen keine großen Zeitungen inhaltlich über die Demonstrationen und Mahnwachen und wenn dann in einer voreingenommenen Haltung, welche man eigentlich als Kommentar oder Glosse von der nüchternen Nachricht abgrenzen müsste. Dies auch der Anlass das poetische Schweigen als Zeitungsfreund ohne Zeitung zu brechen.

Abstand aber auf Hörweite

Social distancing mag zur Eindämmung von Krankheiten mit exponentiellem Wachstum nötig sein. Im Bereich der Leitmedien mit Technik, Macht und Herrschaftsinstitutionen verbunden,kann sie auf der Welle der Mehrheitmeinung surfend; schwere bipolare Verwerfungen unter Gesellschaftsgruppen Geimpfte/Ungeimpfte, Arme/Reiche, Ausländer/Deutsche, Kranke/Gesunde verstärken.Die großen Zeiten der Zeitungen fielen in die Zeiten des staatlichen Informationsmonopols über Gesundheitsdaten.Die UN-Organisation der WHO hat einhergehend mit einer stärkeren Einbindung zivilgesellschatlicher Akteure über Jahrzehnte zu dessen Aufweichung beigetragen.

Auch Verlage sind in Gesundheit investiert

Who ist WHO?
Umkämpfte Gesundheit

Die WHO hat dieses Monopol auch mit Erfolgen(Zurückdrängung der ersten SARS Welle, billige Aidsmedikamente für den globalen Süden) weiter aufgeweicht. Diese Erfolge wurde unter schweren Gefechten zwischen Unternehmerinteressen, Zivilgesellschaft und Staaten errungen. Und wie vor dem Ersten Weltkrieg ist die WHO wieder ein Tummelfeld für Big Spender. Ein Tyrann ist einer der auf Kosten anderer gewaltsam Privilegien und Vorteile festhält und dazu einen gegebenen Machtapparat missbraucht. Demokratie aber ist soziale Kontrolle mit Regeln. Die Zeiten des Wandels machen uns öfter als wir wollen das Angebot uns selbst zu befragen, wo wir Tyrann, wo Unterdrückter, wo Stabilitätsgarant und wo Gefährdung sind. Um das herauszufinden, sollte man, wie Jesus empfahl, lieber ein stilles Kämmerlein aufsuchen als eine Großveranstaltung.

Demonstration in der Tradition der 89er in Leibzig

Mehrheit und Minderheitenschutz

Wenn man aber erkannt hat was man an sich und der Welt verändern will, dann ist es laut Tocqueville eine Medizin gegen die, in der Demokratie stets drohende, Tyrannei der Mehrheit, sich öffentlich zu treffen und zum Gespräch einzuladen. Selbstschutz wurde auf der Demo mit Abstand und ohne Masken propagiert. Ein intuitiver, ein natürlicher, vielleicht ein gefährlicher, allemal ein diskutierbarer Weg. Der Autor dieses Berichts hätte gerne eine Maske getragen aber der wahrgenommene Gruppenzwang übermannte ihn. So einfach ist es im Sozialen nicht, jeder muss sich selber kennen, bevor er in hinreißende Situationen gerät. Es bedarf gesunden Anstandes und einer Fähigkeit sich verschiedenen Gruppen gegenüber angemessen zu verhalten ohne den propagierten Selbstschutz zu vergessen. All das lernen wir gerade. Verabschiedet man aber die Gesprächsbereitschaft und bezeichnet Berichterstatter oder Andersdenkende als Feinde, dann ist die Tyrannei der Mehrheit auch schon auf einer Demo erfüllt. Denn gegenüber den Syrern und den Anarchisten beispielsweise, sind auch die Ungeimpften in dem Moment eine tyrannische Mehrheit. Und der Angehörige der Minderheit ist “geimpft” nicht mehr zu kommen oder Schlimmeres.
Tocqueville beobachtete im Amerika um 1830 politische Teilhabe durch”Caucuses”, grob übersetzt selbstverwaltete demokratische Zusammenhänge, als lokalen Garanten der gesunden demokratischen Ausgewogenheit. Andererseits gab es einen Bund der die Freiheitsrechte seiner Bürger mit von der Monarchie ererbtem Gewaltmonopol(Ancien Regime) bewachten beschützte. Diese Freiheitsrechte sind und bleiben ein hohes Rechtsgut, dass schwer beschädigt wurde. Ich denke für Zeiten wie diese die Möglichkeiten der neuen sozialen Medien als virtuelles Pendant. Es muss sowohl die großen als auch die kleinen geben. Wenn der Staat als Klammer aber immer mehr wegbricht, weil das Ökonomische auch ihn vollkommen zu kolonialisieren beginnt, muss der Ruf nach Bürgerrechten von unten laut werden.

Leistungsgesellschaft essen Seele auf


Wenn die realen Kreise sich nicht fruchtlos polarisieren würden, sondern in ihrer Kommunikation anschlussfähig an die Andersdenkenden Laichinger würden und sie mit ihrer Kompetenz in ihrem Thema auch vom Gemeinderat und Kreistag gehört würden, dann wäre wäre dieser 9.11 Gedenken an schreckliche Versündenbockung, aber mit dem Blick in eine demokratische Zukunft ein Anlass zum Mauerfall. Wenn die Bürgerrechtsbewegungen in Sachsen gleichzeitig Freiheitsrechte und Zäune in Polen fordert, dann vielleicht deshalb weil dort viele sowohl die Unterdrückung von Minderheiten als auch die falschen Versprechen des entgrenzten Materialismus erlebt haben. Wiedervereinigung, vielleicht diesmal unter Wahrung des Selbstgesetzgebungsrechtes eines sich wiedervereinigenden Staatsvolkes, wie sie im Grundgesetz Artikel 146 niedergelegt ist, wäre ratsam. Einen vermeintlich einfachen Weg im Großen wird es nur im Sinne der Ausspielung von Freiheits- gegen Teilhaberechte geben. Die Disziplinen die auf den modernen Schlachtfeldern und Fabriken enstanden sind haben die gesamte Öffentlichkeit besetzt, die Würde wird vom Hartz4-Regime in was man noch werden kann übersetzt. Der Idealismus liegt darnieder in einer alles in Wert setzenden Welt, die sich in äußerster Schizophrenie anschickt so weniger zu Müll zu produzieren. Vor der Selbstbestimmung braucht es der Selbstbesinnung. Einige Winter des Corona-Rückzugs der ihrer Geschöpflichkeit durch Konkurrenz und Produktion entwöhnten Menschheit dürften heilsam sein, wenn auch nicht für den Geldbeutel, oder vielleicht doch?

“Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.”

Mahatma Gandhi(Motto des Delai Kanals)

Telgramkanal Delai der Laichinger:

https://t.me/vp010

Autor: Daniel Baz

Lit.: Maier/Denzer:Klassiker des politischen Denkens, Alexis de Tocqueville(1805-1859)S. 145-167